Der britische Reifenhersteller Avon bringt zwei neue Waffen für den Angriff: Viper Sport und Supersport. Wie kann denn das so unheimlich picken?!
 

Für alle Straßenfahrer da draussen, die noch nie auf der Rennstrecke eine scharfe Tausender voll aus der Ecke rauchen haben lassen, muß ich hier eines festhalten: Man hat keine Vorstellung, was Reifen heutzutage leisten. Ich selbst komme aus der Straßenabteilung und bewege mich mittlerweile am Racetrack auf gutem Hobbyniveau, aber ich kann es immer noch nicht ganz begreifen, welchen Grip Reifen aufbauen. Mir fehlt der Glaube. Es kann doch nicht funktionieren, daß man in voller Schräglage auf einer Tausender einnietet wie ein Gestörter und trotzdem im Sattel bleibt. Da reissen 170 PS an einem Fetzerl Gummi, das zusätzlich noch gegen eine immense Fliehkraft zu kämpfen hat. Und daß es nicht immer gut geht, beweisen u.a. meine beiden Highsider in den letzten Jahren. Allerdings, und das ist wohl der entscheidende Punkt, es haute mich nur dann über die hohe Seite, wenn die Reifen keine Supersportler waren. Mit Supersportgummis ist mir das bis heute nie passiert. Weil ich offensichtlich einfach zu schüchtern das Gas aufreisse. Zum Glück gibt es Momente, in denen meine Ungläubigkeit erschütternd vorgeführt wird. Wie letzte Woche bei der Präsentation der neuen Avon Viper Reifen in Barcelona.


Die neuen Gummis:
  • Avon Viper Sport:
    Der ideale Alltagsreifen für Sportfahrer. Aufbau wie Viper Supersport, aber eine Nuance weniger Grip, dafür eine höhere Laufleistung.
     
  • Avon Viper Supersport:
    Reifen für den harten Angriff auf der Straße und den Hobbyeinsatz am Racetrack. Neutrales Handling, sehr gute Dämpfung und breite Aufstandfläche durch speziellen Karkassenaufbau, hervorragender Grip durch hohen Silica-Anteil in der Mischung.
     
  • Avon Viper Xtreme:
    Rennreifen. Maximale Aufstandfläche in Kurven durch neues Karkassen-Design, Reduktion des Lenkerflatterns durch spezielle Form des Vorderreifens, extreme Gripmischung.
 

Ich gab auf einer 1000er GSX-R alles und fuhr einen Speed, der in etwa einer pannonischen Zeit knapp unter 2:10 entsprochen haben dürfte. Viele Kollegen konnte ich durchreichen. Aber obwohl der Viper Supersport unbeirrbar am Asphalt klebte und selbst nach 10 Runden keine Anstalten machte, Grip zu verlieren und in den Sliding Mode überzugehen, hatte ich ein gewisses Gefühl der Unsicherheit und schärfte meine Sinne komplett auf das Abreissen der Haftung. Bis zu dem Zeitpunkt als mich der Avon Test- und Entwicklungsfahrer Pete Wilson ausbremste, die R1 in volle Schräglage warf und am Scheitel einnietete, daß mir schlecht wurde. Bist du deppert! Das gibt’s ja nicht! Wie kann ein Straßenreifen – der Viper Supersport ist ja kein Rennreifen, sondern ein supersportlicher Straßenreifen – dermaßen picken, wie kann er diese Gewalt so souverän verarbeiten?! Der nächste Gedanke galt dann mir selbst: „Schick deinen Unglauben zum Teufel, du siehst ja, daß es funktioniert. Du kannst viel früher voll ans Gas gehen.“ Was ich auch tat. Ohne Probleme.

 

Ich sprach dann mit einem Holländer, der letztes Jahr bei der TT in der Isle of Man stark performte und bei nationalen Rennen im Vorderfeld zu finden ist, und wurde in meiner Einschätzung bestätigt. Obwohl der Holländer pro Runde circa fünf Sekunden schneller als ich unterwegs war, konnte auch er das Limit des Viper Supersport nicht ausreizen: „Ja, es ist unglaublich. Dafür daß das kein Rennreifen ist, hält das wahnsinnig gut.“
 

 
Blitzinterview mit Pete Wilson,
Ex-Superbike Champion von Kanada, seit vier Jahren Test- und Entwicklungsfahrer von Avon.

RW: Reifentestfahrer muß ein harter Job sein. Wie oft reissen Sie einen Stern?

Wilson: Nicht so oft. Und wenn, dann meistens beim Testen von Fremdprodukten.

RW: Eh klar. Aber im Ernst: Bei der Entwicklung des neuen Vipers z.B. müssen Sie doch immer wieder die Grenzen überschreiten.

Wilson: Sicher. Das ist Teil meines Jobs. Trotzdem sind Stürze eher selten. Weil der Viper das Limit in einem Moment anzeigt, in dem noch nicht alles verloren ist. Er ist so gesehen fehlerverzeihend. Und zusätzlich ist er im Benchmarktesting besser als alle Fremdprodukte, was die Höhe des Limits betrifft.
Ich muß an dieser Stelle zugeben, daß ich es auch jetzt noch nicht verstehen kann, daß ein Straßenreifen trotz dieser exorbitanten Gewalt nicht die Haftung verliert, aber die Realität ist halt nicht immer einfach. Ich habe auch keine Ahnung, warum ein Bild am Schirm flimmert, wenn man den Fernseher einschaltet, aber ich kann – und ich muß - es akzeptieren, daß es so ist.

So kann ich aufgrund der Testerei den Avon Viper Supersport für sportliche Straßenfahrer und Hobbyracer, die in Pannonien nicht konstant unter 2:10 fahren, absolut empfehlen. Und Leute, die Racetracks nur vom Hörensagen kennen und ausschließlich im öffentlichen Bereich vollstrecken, werden mit dem Viper Sport bestens bedient sein. Zwar hat er eine Nuance weniger Grip als der Supersport, dafür aber eine höhere Laufleistung. Barcelona hat klar gezeigt: Avon ist mit den Viper Reifen ganz vorne dabei.

 

Text: Zonko
Fotos: Doublered